Die "Fantastische Dritte" holt das Ding!
Nach dem Aufstieg am Ende der Saison 21/22 und zwei darauf folgenden Vize-Meisterschaften in der Landesliga hat die „Fantastische Dritte“ die Staffel gerockt und in einem fast schon dramatischen Endspiel die Meisterschaft und den Aufstieg in die Verbandliga perfekt gemacht. Neben Stolz und unbändiger Freude war anschließend aber auch ein bisschen Wehmut im Volleydome spürbar…
Der Spieltag
Die besten Mannschaften der Saison, gegenseitiger, hoher Respekt vor der Leistung des anderen Teams und eine Konstellation, bei der es dann doch nur ein Motto gab: „The winner takes it all!“. Der Saisonendspurt hatte alles (und noch mehr), was ein besonderes Spiel braucht. Und jetzt kam auch noch die Sache mit Patrick dazu….
Man müsste schon sehr wenig über den Landesliga-Volleyball wissen, um zu behaupten, bei der Begegnung zwischen dem VfL Lintorf III und SV Union Lohne handelte es sich um ein normales Spiel. Dass dem natürlich nicht so war, illustriert allein der Termin. Gespielt wurde die allerletzte Partie der Saison, danach gab es nichts mehr zu korrigieren oder auszubügeln, es konnte auch nichts mehr verpatzt werden. Was zählte, war dieses eine Spiel! Und alle wussten ganz genau, jetzt ist vor allem ein kühler Kopf gefragt.
Um die Nerven zu beruhigen und in einen gewissen Spiel-Rhythmus zu kommen, war es vielleicht gar nicht schlecht, dass das Top-Event an diesem Tag eine Ouvertüre zu bieten hatte, könnte man meinen. Im ersten Spiel des Nachmittags wartete nämlich noch der Drittplatzierte Osnabrücker SC als vermeintliche Pflichtaufgabe auf den VfL. Immerhin hatte der Spitzenreiter bisher noch kein Spiel in der Saison verloren, was sollte da schon passieren! Die Rechenspiele wurden natürlich auch herangezogen nach dem Motto: „Wenn wir gegen den OSC hoch gewinnen, reicht dann bereits eine knappe Niederlage gegen Lohne, um trotzdem aufzusteigen?“
Das Match gegen den OSC ist schnell erzählt. Die Fantastischen machten von außen den Eindruck, als bekämen sie entweder ihre Nerven zu keiner Phase in den Griff oder -wie es ein „halbwegs“ neutraler Zuschauer formulierte- sie erlagen einem Arroganz-Anfall und fanden daraus einfach nicht mehr zurück. Jedenfalls wurde die Partie verloren. Damit stand vor dem wichtigsten Spiel der Saison die erste Niederlage der Saison gegen zugegeben starke Osnabrücker mit 1:3 (23:25; 23:25; 25:13; 29:31) fest. Nicht unbedingt ein Stimmungs-Aufheller oder Mut-Macher für das Finale.
Natürlich war aber noch nichts entschieden. Jetzt trafen im Endspiel eben zwei Mannschaften mit jeweils einer Niederlage aufeinander. Der Gewinner bekommt die Meisterschale und wird mit dem Aufstieg belohnt, der Verlierer bleibt ein weiteres Jahr in der Verbandliga. Rechnereien um das möglicherweise reichende Satzverhältnis hatten sich schlagartig erledigt. Trotz der schlechteren Ausgangsposition für viele „Fantastische“ ein echter Push-Punkt für das Finale!
Patrick stellte im Vergleich zu Spiel eins um: Leon und Toli über außen, Käpt’n Felix und Eike in der Mitte, Nick diagonal, Ben weiterhin im Zuspiel und der Coach himself als Libero. Eine geile Anfangsformation, die leider nach 4 Minuten schon mit 1:7 hinten lag! Die Wankelmütigen unter Fan’s begannen sich jetzt doch leicht Sorgen zu machen, die Zuversichtlichen intensivierten ihre Anfeuerungsbemühungen. Es half! Satz eins ging mit 25:20 an den VfL!
Dass das Drehbuch dieses Spieltages dann doch nicht einfach so weiter Richtung Lintorf laufen würde, war klar. Lohne schlug zurück und holte sich über deren wieder einmal megastarke Mittelangreifer Satz zwei mit 25:19.
Satz drei ging wieder unsere Jungs, wie schon Satz eins mit 25:20.
Vorhang auf zum Schlussakt, dem Finale vom Finale.
Die vier gespielten Sätze gegen den OSC und der bis dahin hoch-intensive Schlagabtausch gegen Lohne hatten deutliche Spuren bei den „Fantastischen“ hinterlassen. Die Mannschaft lief körperlich auf der allerletzten Rille, jede Aktion forderte enorme Überwindung, ob es nun der Sprungaufschlag, Block- und Angriffsaktionen oder die Abwehr war. Fast jeder Spieler hatte mit Ansätzen von Krämpfen oder tatsächlichen Krämpfen zu tun, konditionell war das Team komplett ausgelutscht. Dass sich die Mannschaft bei einem immer knapper werdenden Vorsprung im vierten Satz schließlich doch noch mit 25:23 über die Ziel-Linie retten konnte, war ausschließlich dem unbändigen Willen zu verdanken. Ein fünfter Satz konnte gerade noch vermeiden werden. Er wäre nicht gut ausgegangen für die Hausherren!
Die Ausgezeichneten
Die Chronistenpflicht gebietet es natürlich, auch die Ausgezeichneten des letzten Spieltages vorzustellen. Der Trainer des OSC hatte Felix als unseren besten Spieler im ersten Spiel ausgemacht. Der war allerdings mit seiner eigenen Leistung so wenig im Reinen, dass er die Wahl schlicht für ungültig erklärte und auch für das sonst übliche Foto nicht zur Verfügung stand. Das hatte es im Verlauf der vergangenen Jahre auch noch nicht gegeben!
Den Titel des „Ho-Mann“ im aufstiegs-entscheidenden Match gegen Lohne konnte Toli einsacken. Dass der zum Schluss durchgängig von Krämpfen geplagte Außenangreifer seine Auszeichnung tatsächlich noch im Stehen und eigenhändig entgegennehmen konnte, macht seine Leistung nochmal herausragender. Über den „Bau-King“ des Spieltages konnte sich Leon freuen, der körperlich in einem einen ähnlich desolaten Zustand war wie der „Ho-Mann“. Seinen „Goldenen Hammer“ kriegte er nur noch mit der Hilfe seines Außenangriffskollegen hoch.
Die Saison
Meisterschaft und Aufstieg waren eine knappe, aber letztendlich verdiente Belohnung einer tollen Saison, in der sich die Dritte von Anfang an so stark fühlte wie seit den Hoch-Zeiten der „Fantastischen“ um Rückkehrer „The Show“ nicht mehr, vielleicht sogar besser. Das war 22/23 eine echt starke Liga, die mit dem damals noch zurecht als Meister gekrönten Emder Volleys einen würdigen Titelträger gefunden hatte. Die Dritte wurde Vizemeister, und das als Aufsteiger. Die letzte Saison in der „Hannover-Liga“ war dagegen irgendwie verschenkt. Durch das Fehlen diverser Leistungsträger an vielen Spieltagen konnte das Potential nur ganz selten abgerufen werden. Bei einer konzentrierteren Herangehensweise wäre schon in der vergangenen Saison der Aufstieg möglich gewesen.
Aber was machte die Mannschaft denn nun so stark in der Saison 24/25, gibt es ein Aufstiegsgeheimnis? Es war wohl ein Mix aus vielem. Sie hatte einen jungen, in Zuspiel, Aufschlag, Block und Abwehr überdurchschnittlichen Pritscher in ihren Reihen und eine Menge Erfahrung und Power im restlichen Personal. Die Annahme war extrem stabil und die Dritte pflegte einen höchst ansehnlichen Ball. Was der überzeugende Leon so schön in Worte zu fassen pflegte, sieht man der Mannschaft auf dem Feld auch an: „Es macht einfach Spaß, mit den Jungs zu kicken.“
Einen außergewöhnlich großen Anteil am Erfolg muss man ganz sicher auch dem Trainer zusprechen, angefangen von der Kaderzusammenstellung über die klare taktische Ansage bis zur emotionalen Pausenansprache. Patrick leitete dabei nicht mal einen großen Umbruch ein. Im Gegenteil versuchte er immer, alle zu integrieren. Zudem hatte er einen ganz heißen Draht zu den Helden der Lintorfer Vergangenheit, die unter ihm wieder richtig Bock auf die Kugel bekamen.
Der Trainer
Trotz des Rausches um den Aufstieg war dieser letzte Spieltag doch auch ein trauriger. Patrick bestritt am Samstag sein letztes Spiel als Trainer der „Fantastischen Dritten“. Große Emotionen waren vorprogrammiert.
Er begann als Nachfolger von Hendi Kollweier sein Engagement in der Saison 21/22 bei der seinerzeitigen „Fantastischen Vierten“. Nahezu vier alles andere als normale Jahre später endete am Aufstiegswochenende eines der emotionalsten Kapitel der Dritten Herren. Ein letztes, gedankliches „You‘ll Never Walk Alone“, eine letzte Huldigung aus der Mannschaft und von den Fan’s, eine letzte, gedachte Ehrenrunde. „Wir wurden alle zusammen von Zweiflern zu Glaubenden. Seine Botschaft ist: Glaube daran – und du wirst die Welt verändern“, so Urgestein Akki Fricke über seinen Coach und ausgemachten Lieblingstrainer.
Vielleicht wäre dem 32-Jährigen zum Abschied eine Aufstiegsparty mit mehr Wucht und Sexappeal zu wünschen gewesen. Am Ende ist das aber auch egal. Er hat die Dritte nicht nur wiederbelebt, er hat sie emotional auf ein ganz neues Niveau gehoben.
Alte Wegbegleiter des Zwillings wundert das nicht. „Er hat schon damals die Erste Damen und alle seine weiteren Teams verändert. Nicht nur die Mannschaften, sondern auch die Menschen und die Einstellung zum Sport“, sagt Akki Fricke. Der Volleyball-Abteilungsleiter des VfL Lintorf hatte Patrick einst vom Trainerjob in der Vierten überzeugt, die beiden verbindet eine enge Freundschaft.
Was Patrick auszeichnet, ist die Begegnung auf Augenhöhe. Er sieht sich eben nicht wie viele seiner Amtskollegen als Alleinherrscher, auch wenn er sich ganz sicher nicht in seine Aufstellung oder sein Training herein reden lässt. Er ist der Lintorfer Junge, ob das Gegenüber nun Weltstar Stephan „The Show“ Maßmann oder jemand aus der Jugend ist. „Auch wenn er jetzt viel mehr erlebt hat als damals, als er als Damentrainer unglaubliche Erfolge feierte, er immer noch er selbst geblieben – verlässlich, ehrlich, pflichtbewusst und humorvoll“, betont Fricke.
Als Trainer biete Patrick das All-In¬clu¬sive-Paket von der volleyballerischen bis zur sozialen Kompetenz. In den von ihm trainierten Teams führt das immer wieder zu Titeln. Die Meisterschaften machten ihn unsterblich.
Die Ära Truschkowski erinnerte die „Fantastische Dritte“ daran, was sie im Kern ist: die Atmosphäre auf dem Spielfeld, großartige Matches, verschworener Zusammenhalt. Und wenn einem das mit einer Mannschaft geling, überträgt sich das im besten Fall auf den gesamten Verein. „Er verkörpert tatsächlich auch die besten Eigenschaften und das Herz des VfL“, sagt beispielsweise Kapitän Felix Prummer über seinen scheidenden Coach.
Und nun? Er bleibe der „Fantastischen Dritten“ erhalten, betont Patrick und liebäugelt dabei mit der Libero-Position. Alle weiteren Posten auf dem Spielfeld gebe sein geschundener Körper nicht mehr her. Aber für die Trainerposition stellt er nochmal ganz klar fest: „Ich bin nicht verfügbar. Ich bin einfach weg. Wir werden sehen, wie lange es dauert.“